Archivrecherche
Die historische Archivrecherche zur Geschichte des Kinderdorfs „Maria in der Drucht“ wurde von Herrn Prof. Dr. Andreas Henkelmann (Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen, Paderborn) durchgeführt.
Historie des Kinderdorfs: ein Überblick
Das Bestehen der Einrichtung „Maria in der Drucht“ lässt sich grundsätzlich in drei Phasen unterteilen: 1946 bis 1950, 1950 bis 1961 und 1961 bis zur Schließung.
- Phase 1: Während der ersten Phase war „Maria in der Drucht“ eine Krankenwohlfahrtsstätte für Ostflüchtlinge. Während dieser Phase bereitete der Auf- und Ausbau der Einrichtung enorme Finanzprobleme. Für die vorwiegend minderjährigen Bewohner*innen war die Situation in mehrfacher Hinsicht problematisch: Essen war knapp, Kleidung ein kostbares Gut, und eine funktionierende Heizungsanlage wurde nicht vor dem Sommer 1948 installiert. Ähnlich problematisch war auch die Personalsituation; vor allem bei der pädagogischen Arbeit war die Situation prekär.
- Phase 2: 1950 wurde die Einrichtung in ein Kinderheim umgewandelt. Während des Großteils der zweiten Phase wurde „Maria in der Drucht“ in einer Doppelleitung unter Beteiligung von Schwestern „Unserer Lieben Frau“ geleitet. Das Kinderheim verfügte permanent über zu wenig Erziehungspersonal, was Auswirkungen auf den Erziehungsalltag hatte und zu Überforderungssituationen führte. Bei allen Schwierigkeiten ist grundsätzlich festzuhalten, dass in den 1950er-Jahren viele Umbaumaßnahmen und Verbesserungen in der Ausstattung stattfanden, die zu einer Modernisierung der Einrichtung führten.
- Phase 3: Ende April 1961 veränderte sich die Heimleitung erneut, als die Schwestern „Unserer Lieben Frau“ die Einrichtung verließen und eine weltliche Leiterin nachfolgte. Mit dieser Änderung begann die dritte Phase der Geschichte des Kinderheims, über welche sich mangels Quellen nur wenige Aussagen treffen lassen. In den 1980er-Jahren wurde „Maria in der Drucht“ aufgrund eines reduzierten Bedarfs an Heimplätzen in Duisburg geschlossen.
Verantwortlichkeiten & Leitungsstrukturen
Die Verantwortlichkeiten und Leitungsstrukturen der Einrichtung waren phasenweise kompliziert und wurden mehrfach verändert. Bestimmte Rollen und Strukturen waren überdies unklar und blieben ungeklärt. Einige mit Blick auf das Thema Machtmissbrauch besondere problematische Konstellationen stechen hervor:
- Bis 1949 agierte der damalige Direktor der Trägerstruktur auch als Direktor der Wohlfahrtseinrichtung. Zudem existierten in keiner der beiden Strukturen in den ersten Jahren Aufsichtsgremien.
- Der Caritasverband Duisburg als Träger der Einrichtung hatte keinen Einfluss auf die Auswahl der in der Einrichtung tätigen Priester und bestimmte auch nicht über ihre Abberufung, und das, obwohl selbst die Priester, die primär als Präsides seelsorgliche Aufgaben hatten, auch an der Leitung der Einrichtung beteiligt waren.
- Besonders problematisch mit Blick auf die fehlende Überlieferung ist, dass sich die Frage nach der Heimaufsicht für die zweite und dritte Phase nicht beantworten lässt. Speziell die Rolle des Jugendamtes bleibt so unklar. Diesem kam während der zweiten und dritten Phase die Aufsichtsrolle zu; zudem hatte es die Vormundschaft über die meisten Minderjährigen in „Maria in der Drucht“ inne. Nachweisen lassen sich einzelne angekündigte und unangekündigte Aufsichtsbesuche. Entsprechende Protokolle fehlen allerdings gänzlich, sodass sich über die Frage, wie das Jugendamt das Heim beaufsichtigte, nichts sagen lässt. Akten, die Aufschluss geben könnten, wie das Jugendamt seiner Aufgabe als Vormund nachkam, liegen ebenfalls nicht vor.
Strukturen, die Missbrauch begünstigten
- Priester genossen in „Maria in der Drucht“ eine herausragende Stellung. Sie galten als „Väter“ der Einrichtung und wurden entsprechend auch verehrt. Der Bericht verweist in diesem Zusammenhang auf die besondere Stellung von Priestern für Gläubige: Für viele sei kaum vorstellbar gewesen, dass ein Priester Missbrauch begehen könne. In einem Kinderheim wie „Maria in der Drucht“ war dieses asymmetrische Beziehungsverhältnis noch stärker ausgeprägt, da der Priester auch als Vater der gesamten Heimgemeinschaft angesehen wurde und nicht nur in religiösen Fragen, sondern in allen Problemlagen die dominante Persönlichkeit war.
- Zusätzlich spielten weitere Faktoren in der Missbrauchsthematik eine gewichtige Rolle. Dazu zählten Personalmangel, eine hohe Fluktuation, eine teilweise mangelnde Qualifikation der Mitarbeitenden und der Umstand, dass in bestimmten Situationen auf Schülerinnen im Ausbildungsverhältnis oder auf ältere Heimkinder zurückgegriffen wurde. Damit verfügte die Gruppenleiterin bzw. der Gruppenleiter über eine enorme Machtfülle.
Die vollständigen Ergebnisse der Archivrecherche finden Sie hier.