Interviewstudie
Die Interviewstudie mit Betroffenen und Zeitzeug*innen wurde von Frau Prof. Dr. Manuela Dudeck, Ärztliche Direktorin der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Ulm, und ihrem Team durchgeführt.
Die der Studie zugrunde liegenden Daten weisen auf mindestens 32 beschuldigte Personen sowie auf mindestens 38 Betroffene hin. Beide Zahlen sind laut Studie als Untergrenze zu verstehen.
Die Interviewstudie zeichnet ein Bild von sexualisierter, körperlicher und psychischer Gewalt, die im ehemaligen Kinderdorf vielfach und wiederholt ausgeübt wurde. Alle drei Formen ausgeübter Gewalt fanden nicht ausschließlich im Verborgenen statt: Mehrere Betroffene berichteten, dass Mitarbeitende Gewalt wahrnahmen, ohne einzugreifen; einzelne Gewalthandlungen erfolgten zudem in Abstimmung mit anderen.
Formen der Gewalt
- Sexualisierte Gewalt wurde von 25 Betroffenen geschildert und betraf sowohl Mädchen als auch Jungen. Sie wurde laut den Berichten vorwiegend durch Kleriker sowie Hausleitungen und Erziehungspersonal ausgeübt, aber auch durch Personen außerhalb des Kinderdorfs wie Lehrkräfte und Handwerker.
- Die zusätzlich geschilderten Formen körperlicher Gewalt reichten von regelmäßigen Schlägen mit Händen und Gegenständen bis hin zu schweren Misshandlungen.
- Psychische Gewalt äußerte sich in systematischer Erniedrigung und Einschüchterung. Verbale Herabsetzungen durch das Erziehungspersonal, soziale Ausgrenzung sowie Bloßstellung vor anderen Kindern waren an der Tagesordnung.
- Betroffene berichteten darüber hinaus von emotionaler und kognitiver Verwahrlosung. Kinder wurden in ihren grundlegenden Bedürfnissen nach Zuwendung und Orientierung nicht versorgt und in ihrer motorischen, kognitiven und schulischen Entwicklung nicht altersentsprechend gefördert.
Faktoren, die Gewalt begünstigt haben
Das Kinderdorf wurde 21 Jahre lang von Priestern geleitet, die selbst Beschuldigte sexualisierter (und körperlicher) Gewalt waren. Es ist anzunehmen, dass das Verhalten der Priester für das nachgeordnete Personal im Kinderdorf implizit einen Maßstab setzte. Die Berichte zur Personalentwicklung verweisen zudem auf eine hohe Fluktuation des Erziehungspersonals, die möglicherweise zu einer Konzentration problematischer Mitarbeitender in einzelnen Häusern beigetragen hat. Darüber hinaus waren Hausleitungen und Erziehungspersonal vielfach überfordert, während zugleich ein ausgeprägter Mangel an qualifiziertem Fachpersonal bestand. Nicht zuletzt war die Einrichtung „Maria in der Drucht“ räumlich wie sozial in erheblichem Maße von der Außenwelt abgeschirmt. Diese strukturellen Bedingungen dürften Voraussetzungen geschaffen haben, unter denen sexualisierte, körperliche und psychische Gewalt entstehen und sich über einen langen Zeitraum hinweg verfestigen konnte.
Divergierende Erfahrungen im ehemaligen Kinderdorf
Laut einem Artikel der Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 4. Juni 2019 war das Kinderdorf für andere Kinder ein guter Ort zum Aufwachsen. Ein wesentlicher Erklärungsansatz für die Divergenz der Erfahrungen liegt in der räumlichen und sozialen Struktur der Einrichtung. Das Kinderdorf bestand aus mehreren, baulich nicht miteinander verbundenen Häusern. Das Leben im Kinderdorf war stark auf das jeweilige Haus ausgerichtet. So liegt es nahe, dass Kinder in unterschiedlichen Häusern ganz unterschiedliche Erfahrungen machten. Zugleich zeigen Schilderungen, dass ehemalige Heimkinder voneinander abweichende Erinnerungen an dieselben Personen haben. Dies ist kein Zeichen mangelnder Glaubwürdigkeit – es entspricht vielmehr den gesicherten Erkenntnissen der Forschung zu institutionellem Missbrauch. Täter*innen in institutionellen Kontexten zeigen ihr übergriffiges oder gewalttätiges Verhalten oft ausschließlich gegenüber den von ihnen ausgewählten Opfern und wahren dabei gegenüber anderen Personen bewusst das Bild einer engagierten, sympathischen und besonders vertrauenswürdigen Person.
Die vollständigen Ergebnisse der Interviewstudie finden Sie hier.