Worum geht es bei der Aufarbeitung?
Die Caritas Duisburg will mit ihrer Aufarbeitung das erlittene Unrecht sichtbar machen, das Leid der Betroffenen anerkennen, ihnen Raum und Gehör verschaffen sowie ihre Perspektive verbindlich in den Aufarbeitungsprozess einbinden.
Dabei stellt sich die Caritas Duisburg ihrer Verantwortung für das Geschehene. Dies schließt ausdrücklich auch das eigene Verhalten ein, insbesondere dann, wenn ein mögliches Fehlverhalten oder institutionelle Versäumnisse zu benennen und Konsequenzen für die Zukunft abzuleiten sind.
Unter dem Begriff „Aufarbeitungsprozess“ werden alle Anstrengungen zusammengefasst, die von einer Institution unternommen werden, um Taten sexualisierter, körperlicher und
psychischer Gewalt, die meist schon länger zurückliegen, aufzuarbeiten. Aufarbeitung ist keine Vergangenheitsbewältigung, sondern zukunftsgerichtete Vergangenheitsvergegenwärtigung.
Dabei werden die unterschiedlichen Erfahrungen berücksichtigt, die Betroffene gemacht haben. Die öffentliche Bekundung der Verantwortungsübernahme ist ein wichtiger symbolischer Schritt.
Sie macht deutlich, dass die Institution die Aufarbeitung als Anfrage an sich selbst versteht, verbunden mit der klaren Erwartung, dass dies Konsequenzen hat.¹
Abschlussbericht im Herbst 2026
Im Rahmen der Aufarbeitung hat die Caritas Duisburg zwei unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen über die Vorfälle im ehemaligen Kinderdorf beauftragt:
eine Archivrecherche und eine Interviewstudie mit Betroffenen. Zusätzlich wurde eine ergänzende Untersuchung über die Aufarbeitungsmaßnahmen der Caritas Duisburg im
Zeitraum 2021 bis 2025 beauftragt. Die Ergebnisse aller drei Untersuchungen werden in einem gemeinsamen Abschlussbericht enthalten sein, der voraussichtlich im Herbst 2026
veröffentlicht wird.
Weitere Informationen zu den drei Untersuchungen finden Sie hier.
Erinnerungskultur
Erinnerungskultur ist wesentlicher Bestandteil verantwortungsvoller Aufarbeitung. Sie hält das erlittene Unrecht sichtbar, würdigt die Erfahrungen der Betroffenen und macht deutlich, dass das Geschehene nicht in Vergessenheit gerät. So trägt sie außerdem dazu bei, aus der Vergangenheit verbindliche Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft zu ziehen und die
Wiederholung vergangener Fehler zu vermeiden.
Um das Gedenken an das im Kinderdorf „Maria in der Drucht“ geschehene Unrecht wachzuhalten, hat die Caritas Duisburg in Abstimmung mit Betroffenen im März 2026 als ersten Schritt der Erinnerung eine Gedenktafel auf dem Gelände der Einrichtung aufgestellt und öffentlich darüber informiert. Text und Standort der Tafel wurden gemeinsam mit Betroffenen entwickelt.
Gleichzeitig wird nach einem geeigneten Ort für den Verbleib einer Kindermonstranz gesucht (angefertigt von Sakralkünstler Fritz Schwerdt, *1901, †1970).
Eine nachhaltige Form des Erinnerns setzt die sorgfältige und vollständige Untersuchung des Unrechts voraus. Erst wenn das geschehene Unrecht umfassend untersucht und benannt ist,
kann eine nachhaltige Erinnerungskultur wachsen. Nach Abschluss des Aufarbeitungsprozesses wird deshalb die Gedenktafel auf dem Gelände des ehemaligen Kinderdorfs „Maria in der Drucht“ geprüft und ggf. weiterentwickelt. Auch weitere Formen des Erinnerns werden gemeinsam mit Betroffenen geprüft.
Das Buch „Keinzelfall“
Das Buch „Keinzelfall“ (Verlag Herder, 2025) von Frau Dr. Christiane Florin beinhaltet die Geschichte eines ehemaligen Bewohners des Kinderdorfs „Maria in der Drucht“, der von sexualisierter, körperlicher und psychischer Gewalt betroffen ist.
Die Autorin nahm ab Dezember 2023 im Rahmen ihrer Recherchen auch zur Caritas Duisburg Kontakt auf. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits Gespräche der Caritas Duisburg mit Betroffenen stattgefunden, seit Februar 2023 u. a. mit dem Betroffenen aus dem später veröffentlichten Buch „Keinzelfall“. Erste Schritte einer Aufarbeitung durch die Caritas Duisburg waren zu diesem Zeitpunkt bereits eingeleitet.
Die Veröffentlichung des Buches Anfang 2025 hat die weitere Aufarbeitung deutlich beschleunigt und zusätzliche Impulse für die interne Auseinandersetzung gegeben.
¹ Vgl. "Institutionen übernehmen Verantwortung. Empfehlungen zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt." Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs,
S. 12 und S. 18.