Analyse der Aufarbeitung
Die Analyse der Aufarbeitung der Caritas Duisburg mit einem Schwerpunkt auf den Jahren 2021 bis 2025 wurde von der Kölner Rechtsanwältin und Mediatorin Frau Dr. Bettina Janssen erstellt.
Zeitliche Einordnung
Der Caritasverband Duisburg war spätestens seit 2009 durch einen Zeitungsbericht und in den Folgejahren durch weitere konkrete Hinweise mit Gewalt- und Unrechtserfahrungen ehemaliger Bewohner*innen des Kinderdorfs „Maria in der Drucht“ konfrontiert. In den Jahren 2010 und 2017 gingen eine anwaltliche Anfrage mit Hinweisen auf körperliche Gewalt und ein Antrag zur Anerkennung des Leids bei der Caritas Duisburg ein. Aus den ausgewerteten Unterlagen ergibt sich, dass der Verband die jeweiligen Vorgänge verwaltungsmäßig als Einzelfälle erfasste und bearbeitete. Eine fallübergreifende Prüfung der zugrunde liegenden Gewaltvorwürfe ist nicht zu erkennen. Die Fälle wurden weder zu einem Lagebild verbunden noch als Ausgangspunkt für eine Untersuchung der Gewaltgeschichte des Kinderdorfes genutzt.
2019 informierte das Bistum Essen den Caritasverband Duisburg erstmals über sechs Meldungen zu sexualisierter Gewalt im Kinderdorf. Dennoch sind im Anschluss keine konkreten Maßnahmen des Caritasverbandes zur Aufarbeitung oder weiteren Sachverhaltsklärung erkennbar. Die Information führte auch nicht zu einer abgestimmten Vorgehensweise zwischen Caritasverband und Bistum. Aufseiten des Verbandes lässt sich in dieser Phase anhand der Unterlagen kein hinreichendes institutionelles Problembewusstsein erkennen, das angesichts der Tragweite der Hinweise und der daraus erwachsenden Verantwortung handlungsleitend geworden wäre. Auch das Bistum verfolgte seine Forderung nach einer Aufarbeitung zunächst nicht weiter.
Im zeitlichen Zusammenhang mit personellen Veränderungen im Vorstand intensivierte der Caritasverband Duisburg Anfang 2023 seine Aufarbeitungsbemühungen. Aus dem zunächst individuellen Kontakt mit einem Betroffenen entwickelte sich ein Austausch mit weiteren Betroffenen. Ein fachlich ausgearbeitetes Gesamtkonzept, das die unabhängige wissenschaftliche Untersuchung mit einer strukturierten Betroffenenbeteiligung verband, bestand zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Wesentliche Entwicklungsschritte wurden nicht aus einer frühzeitig etablierten Aufarbeitungsstrategie heraus eingeleitet. Stattdessen gingen wichtige Impulse für die weitere Entwicklung des Aufarbeitungsprozesses insbesondere von Betroffenen aus und wurden durch journalistische Recherchen und öffentliche Kritik verstärkt. Von besonderer Bedeutung waren dabei das beharrliche Engagement eines ehemaligen Heimbewohners und die Perspektiven weiterer Betroffener. Sie forderten Anerkennung, Transparenz, Beteiligung und eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung ein. Der Bericht stellt fest, dass dieses Engagement maßgeblich dazu beitrug, dass der 2023 begonnene Prozess an Verbindlichkeit gewann. Das Anfang 2025 erschienene Buch „Keinzelfall“ von Dr. Christiane Florin verlieh dem Prozess zusätzliche Dynamik und trug zu einer Neuorientierung bei, deren Notwendigkeit sich bereits zuvor abgezeichnet hatte. Seit Frühjahr 2025 wurde der Aufarbeitungsprozess neu ausgerichtet und durch wissenschaftliche Untersuchungen, eine strukturiertere Betroffenenbeteiligung und externe fachliche Begleitung weiterentwickelt.
Institutionelle Versäumnisse
Die über Jahre verzögerte Aufarbeitung beruhte auf Versäumnissen sowohl des Caritasverbandes Duisburg als auch des Bistums Essen. Die Wissensbestände beider Institutionen blieben über Jahre voneinander getrennt und wurden nicht zu einem gemeinsamen Lagebild zusammengeführt. Die Verantwortung beider Institutionen war dabei unterschiedlich gelagert: Während das Bistum seine konkreten fallbezogenen Erkenntnisse und Informationen nicht an den Caritasverband weitergab, führte der Caritasverband seine eigenen Hinweise nicht zu einem fallübergreifenden Kenntnisstand zusammen. Wechselseitige Nachfragen nach Unterlagen, früheren Hinweisen oder Erkenntnissen zu den geschilderten Fällen unterblieben. Fehlende verbindliche Verfahren für Dokumentation und Informationsaustausch trugen dazu bei, dass mögliche Zusammenhänge unerkannt blieben und sich die institutionelle Aufarbeitung verzögerte.
Die vollständigen Ergebnisse der Analyse der Aufarbeitung finden Sie hier.